Das Ende der Templer & die Hinrichtung Jakob von Molays

Aus Krück von Poturzyn, „Der Prozess gegen die Templer“, Stuttgart 1963
Einige von den «Rückfälligen» sollen noch verbrannt worden sein, viele durchzogen Europa, verkleidet und verfemt, andere wurden Klöstern überwiesen, wo sie, die einst so Gefeierten, unliebsame, verachtete Kostgänger sein mochten. Das beste Los harrte wohl derer, die unerkannt in Werkmaurergilden untertauchen konnten, in Steinmetzgesellschaften oder Bauhütten, die dem Orden affiliert waren. Wenn späterhin ein Templer heiraten wollte, wurde ihm erklärt, sein Gelübde binde ihn noch - das Gelübde eines Ordens, der zerschlagen war. In Aragonien scheinen einige wieder zu zivilen Ehrenstellen gekommen zu sein, andere hätten sich dem Wohlleben hingegeben oder seien in die Dienste afrikanischer Fürsten getreten. Wieweit feindliche Stimmen solche Nachrichten ausstreuten, ist kaum festzustellen.

Weniger eifrig wurde von anderen berichtet, die sich in die Pyrenäen zurückzogen, in jene Berge, die einst das Geheimnis des Grals umschlossen und nun die letzten Templer beherbergten, die den Tempel gehütet hatten. Die Ruinen der dortigen Templerburgen, die einst verfolgten Katharern Unterschlupf gewährt haben mögen, ehe die Ritter selbst zu Gejagten wurden, könnten noch manches Unentdeckte bergen; so bewahrt das von Richelieu geschleifte Schloß Montreal-de-Sos eine seltsame Wandzeichnung, die auf Gralstraditionen schließen lässt. H. Martin berichtet im 19. Jahrhundert, dass zu Gavarnie, im südwestlichen Teil der Pyrenäen, sieben Schädel verehrt würden, die einst Templern gehört. Das Volk behaupte, an jedem Jahrestag der Vernichtung des Ordens erschienen am Friedhof bewaffnete Gestalten in weißem Mantel mit rotem Kreuz und riefen dreimal. «Wer will den heiligen Tempel verteidigen? Wer das Grab des Herrn befreien?» Worauf die sieben Häupter antworteten - «Niemand, niemand, der Tempel ist zerstört »

In Deutschland scheint das Los der überlebenden Ritter weniger hart gewesen zu sein. Eine Versammlung der Johanniter hieß sie in ihren Reihen willkommen; der letzte Präzeptor von Brandenburg, Friedrich von Alvensleben, wurde in derselben Rangstellung in den Johanniterorden aufgenommen. Doch ihre Kirchen und Kapellen waren auf Befehl des Bischofs von Magdeburg zerstört worden. Über Portugal wurde bereits an früherer Stelle berichtet. Der Schlussstrich fehlte immer noch. Molay lebte mit einem dienenden Bruder und drei Großwürdenträgern in den Verliesen von Schloß Gisors. Seit sieben Jahren dauerte die Haft. Niemand sah die Ritter, niemand wusste, wann sie von der Vernichtung des Ordens erfahren, ob sie noch klaren Geistes waren, was sie dachten und litten. Keiner hat es aufbewahrt, wenn man nicht die «Zeichnungen» an den Wänden von Gisors als zweifelhafte Lebensspuren gelten lassen will. Man wartete wohl auf ihren Tod, aber sie starben nicht. Und solange sie lebten, konnten sie Gefahr bedeuten. Nur der Papst, der sich ihre Verurteilung vorbehalten, schien sie zu vergessen.

Ob es Philipp war, der schließlich, als das Jahr 1313 zu Ende ging, in Clemens drang, bleibt unbekannt. Nogaret zählte nicht mehr; er war im Frühling gestorben, unvermutet und unerwartet, der erste in dem beginnenden Todesreigen.

Zwei Tage vor Weihnachten richtete Clemens V. ein Schreiben an drei Kardinallegaten, von denen einer sein Neffe war -

«Da Wir mit vielfachen anderen verwickelten Geschäften, die Unsere ganze Zeit in Anspruch nehmen, zu tun haben, und Uns nicht persönlich mit der Urteilsfällung beschäftigen können, die Wir über den Großmeister und die anderen Vorsteher des Ordens Uns besonders aufgehoben haben, so beauftragen Wir hiermit Euch, das gegen dieselben eingehaltene Prozessverfahren und ganz speziell dasjenige zu prüfen, welches zu Chinon ... abgehalten worden ist ... Wir geben Euch die Macht zu verdammen und zu lösen, und eine Buße aufzuerlegen, entsprechend der Schuld der Angeklagten, und selbst auf die Güter des Ordens Zahlungsanweisungen zu erlassen, so hoch Ihr dieselben für Ernährung, Kleidung und andere Bedürfnisse der Angeklagten für schicklich erachtet".»

Clemens hatte keine Zeit, sein Versprechen einzulösen, er wagte nicht, den Obersten des Tempels noch einmal ins Gesicht zu sehen, welche Haltung deutlich bezeugt, dass er sein Gewissen zwar unterdrückt, aber nicht zum Schweigen gebracht hatte. Die drei Kardinallegaten begaben sich nach Paris und ließen die vier Gefangenen aus Schloss Gisors kommen.

Am 18. März 1314 war eine Tribüne im Vorhof der Kathedrale Notre Dame aufgestellt worden, von wo die päpstlichen Abgesandten, zu denen sich der Erzbischof von Sens, Philipp von Marigny, gesellte, in voller Öffentlichkeit das letzte Urteil sprechen sollten. Neben ihnen, auf einem hohen zweiten Gerüst, standen gefesselt Molay, einst «von Gottes Gnaden», Gottfried von Charney, Präzeptor der Normandie, beide die letzten Zeugen der Kreuzzüge; Hugo von Pairaud, höchster Ordensträger für Frankreich, und Gottfried von Gonnaville, Meister von Poitou und Guienne. Sie waren preisgegeben den Blicken von Prälaten in Seidengewändern, Mönchen in Kutten und allen jenen, die ihre Werkstätten und Verkaufsbuden in den engen Gässchen der Hauptstadt verließen, um das Schauspiel anzusehen, die Weber und Schuster, die Lederhändler, Tischler und Gewürzkrämer, die Goldschmiede und Waffelbäcker ... Keiner der Prälaten mochte zweifeln, dass die Kraft der Gefangenen gebrochen, von diesen alten Männern nichts mehr zu befürchten war. Der Triumph würde vollständig sein, die letzten Zweifel zerstreuen, den Abscheu siegen lassen über das Mitleid.

«Gottesverleugnung, Kreuzesschändung, Götzenanbetung, Sodomiterei ... » Die schmähliche Liste wurde von einem der Kardinäle abgelesen, Punkt für Punkt, die Geständnisse Wort für Wort wiederholt ... Stille. Es folgte die Verkündigung der Strafe: ewige Einmauerung.

Da war nichts mehr zu sagen. Die Gefangenen schwiegen. Das war der letzte Akt. «Aber siehe, als die Kardinäle schon glaubten, der ganzen Sache ein Ende zu machen, traten plötzlich und ganz unerwartet zwei von jenen, nämlich der übers Meer gekommene Großmeister und der Präzeptor der Normandie gegen den Kardinal, der dort geredet hatte, und gegen den Erzbischof von Sens auf ... »

Molay war es, der laut seine Stimme erhob, so dass alle es hörten und eine Chronik seine Worte überlieferte. «Es ist wohl billig, dass ich an einem so schrecklichen Tag und in den letzten Augenblicken meines Lebens die Ungerechtigkeit der Lüge aufdecke und die Wahrheit triumphieren lasse. Ich erkläre im Angesicht des Himmels und der Erde zu meiner ewigen Schande, dass ich das größte aller Verbrechen begangen habe, weil ich, um dem Übermaß der Torturen zu entgehen und um jene, die mich quälten, zu beugen, gegen meinen Orden gezeugt habe. Jetzt aber verpflichtet mich die Wahrheit, zu erklären, dass der Orden unschuldig ist. Die Anklagen sind erlogen ... Wir sind gute Christen. Ich kenne die Strafen, die allen jenen zuteil wurden, die den Mut hatten, Geständnisse zu widerrufen. Aber die fürchterliche Aussicht, die sich mir bietet, wird mich keine neue Lüge zu der alten häufen lassen. Ich verzichte freudig auf ein Leben, das mir nur zu sehr verhasst ist.»

Der Präzeptor der Normandie, Gottfried von Charney, war zustimmend neben Molay getreten. Die anderen zwei, Hugo von Pairaud und Gottfried von Gonnaville, schwiegen. Sie wurden abgeführt. Vielleicht hofften sie immer noch auf Gnade. In vermauerten Verliesen sollten sie, unbekannt wann und wo, enden. Molay aber und seinen alten Waffengefährten übergab man dem Profoß, während die Kardinallegaten sich eilig zurückzogen, ratlos, was nun zu geschehen habe.

Philipp entband sie dieser Sorge. Als er vernahm, wie alles gekommen, befahl er in dunkler Wut, die beiden Großwürdenträger sofort zu verbrennen. Drei Chronisten fügen geflissentlich hinzu, dass er keinen einzigen der Päpstlichen zu Rat gezogen habe.

Es gab da eine kleine Insel, die heute den westlichsten Punkt der Ile de la Cite bildet, damals hieß sie Judeninsel, sie gehörte dem Kloster Saint-Germain des Pres und hatte ihren Namen angeblich von unglücklichen Juden, die man dort dem Feuer überliefert hatte. An der Stelle, wo heute ein Denkmal für Heinrich IV. steht, wurde in Eile der Holzstoß errichtet. Schon am Nachmittag dieses Montags, am 18. März 1314, war er bereit, seine Opfer aufzunehmen.

Gegen Norden sah man die Türme und Kirchen des Temple, des einst «sichersten Ortes» von Paris, gegen Osten das Spitzenwerk der neuen Kathedrale Notre Dame, und in nächster Nähe die Sainte Chapelle von Ludwig dem Heiligen. Das Abendlicht beschien den Berg des Mars, auf dem die ersten christlichen Boten von Heidenhand gefallen waren. Frühling an den Ufern, zartes Grün rings um die Stadt, die in ihrem Namen an den Griechensohn Paris erinnert, der den Preis der Schönheit verteilte. Silbern floss die Seine ...

Unter den Zahllosen, die sich einfanden, war der Dichter Gottfried von Paris, auch er hat die Szene festgehalten. Um die Vesperstunde war es, gegen 6 Uhr abends. Man hatte den Holzstoß nur langsam in Brand gesetzt, dass die Qual verlängert würde und vielleicht in diesem allerletzten Augenblick noch ein Geständnis erpresst werden könnte. Es heißt, König Philipp habe von einem Fenster seines Palastes herübergesehen.

«Der Großmeister, der das Feuer angezündet sah, entkleidete sich ohne Zögern. Ich erzähle es, wie ich es gesehen habe. Ganz nackt in seinem Hemd kam er heran, mit leichtem Schritt und froher Miene, ohne irgendwie zu zittern, trotzdem man ihn zog und stieß. Man nahm ihn, um ihn an den Pfahl zu binden, und wollte ihm die Hände fesseln, aber er sagte zu den Henkern-. «Ihr Herren, lasst mich wenigstens meine Hände falten und Gott mein Gebet darbringen, es ist wohl der Augenblick dazu gekommen. Ich werde sterben. Gott weiß, dass es zu Unrecht geschieht. Ihr Herren, wisst, dass alle jene, die gegen uns waren, für uns werden leiden müssen. In diesem Glauben sterbe ich. Dreht mich, bitte, mit dem Gesicht zu der Jungfrau, die unseren Herrn Christus geboren hat ".» Die Henker erfüllten die Bitte. «Jakob von Molay trat noch für die Unschuld des Ordens ein, soviel er konnte, und als ob er die Flammen gar nicht spürte, so dass die Menge mit Bewunderung und Entsetzen erfüllt wurde.» «Der Tod nahm ihn so sanft hinweg, dass alle sich erstaunten», schließt Gottfried von Paris. Dieser Tod war ein Sieg, nicht nur für Jakob von Molay. Der Oberste der Templer hatte über Lug und Trug hinweg sein Zeugnis abgelegt für den gemordeten Orden. Sterbliches war zerstört, Unsterbliches gerettet. Aber das sollten erst spätere Jahrhunderte erweisen.

Villani will wissen, dass in der darauffolgenden Nacht die Mönche von Saint- Germain des Pres kamen, um in der Asche nach den Gebeinen zu suchen, die sie in geweihter Erde begraben und fürderhin heilig halten wollten. Alle Templer, die ein gleiches Schicksal erlitten, seien wie Heilige angesehen worden, be- richtet eine französische Chronik.

Es gibt noch eine weitere Erzählung über diese gleiche Nacht; sie kann in historischem Sinn so wenig belegt werden wie die erste. Sieben Templer, als Maurergesellen verkleidet, geführt von dem Ritter d'Aumont, seien heimlich zur Richtstätte gekommen, nahmen eine Handvoll Asche, warfen sie in Richtung des Königspalastes und schwuren, die Opfer Philipps und Clemens' zu rächen. Einige Tage später seien sie nach England übergesetzt und hätten dort im darauffolgenden Jahr, immer noch verkleidet als Maurergesellen, die erste Freimaurerloge gegründet, manche sagen in London, andere auf der schottischen Insel Mull.

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